Nun ergibt sich einmal etwas Zeit, um über meine erste Woche hier in Shanghai zu berichten.
Als ich letzten Montag hier ankam war die Wohnung, die ich eigentlich schon zugesichert bekommen habe, bereits anderweitig vergeben. Soviel zur mündlichen Zusage eines Vermieters. Mithilfe einer Bekannten hier aus der Stadt habe ich aber für Dienstag eine andere Wohnung gefunden und musste nur eine Nacht im Hotel schlafen. Jetzt habe ich 30m² anstatt 60m², aber es ist eine Wohnung. Inzwischen ist das Meiste der Einrichtung da und funktioniert auch. Die Wohnung liegt direkt an der Metrostation, wo morgens auch der Shuttlebus in die Firma losfährt. Ich lebe hier ausschließlich unter Chinesen, und die meisten schauen verwundert oder interessiert wenn sie mich sehen. Fast niemand spricht Englisch, weshalb ich mich im Moment noch mit Händen und Füßen verständigen muss. Es ist zwar alles sehr einfach gehalten hier, teilweise stinkt es ein wenig auf den Straßen und es liegt viel Schutt und Müll herum, aber es ist alles andere, als zurückgeblieben oder ländlich. Der Verbund von Häusern, in dem ich wohne, hat seine eigenen Schranken und Sicherheitskontrollen für Autos die hier durchfahren möchten und es laufen immer 3 – 5 Wachleute durch die Straßen, oder bewachen die Häusereingänge. Vorteil an der Sache ist auch, dass es sehr viele kleine und sehr günstige Läden und Restaurants – man könnte auch Imbissbude sagen – gibt. Für mein Frühstück zahle ich 4 Yuan bei einer Frau, die hervorragende Dampfnudeln macht. Das sind umgerechnet keine 50 Cent. Ein Abendessen kostet zwischen 14 und 20 Yuan. Man bekommt an der Straße auch frisch gegrillte Fleischspieße, frisch geschältes und entkerntes Obst und die verschiedensten anderen Leckereien. Ich habe noch bei weitem nicht alles probiert, aber ich übe mich!
In die Stadt sind es mit der Metro 20 – 50 Minuten, je nachdem wohin man möchte. Bisher habe ich nur einen der drei Hauptbahnhöfe, Xujiahui und Hungmei Lu gesehen, aber es ist ja noch ein wenig Zeit. Als ich das erste Mal aus der Metro auf die Straße im Zentrum gekommen bin ist mir einfach der Mund offen stehen geblieben. Es ist eine andere Welt. Hochhäuser, Leuchtreklame gegen die Piccadilly Circus wie eine alte Glühfadentaschenlampe mit schwachen Batterien aussieht, riesige Plätze, Straßen, Brücken, Parks; überall Smartphones und Menschen die so neumodisch angezogen sind, dass ich mir daneben wie der letzte Bauer vorkomme. Alles, was irgendwie als westlich durchgeht ist hier begehrt und der absolute Brüller; die Leute sind im Konsumwahn! Leider ist der Geschmack hier nicht bei allen so schnell gewachsen, wie das Angebot. Es gibt also immer wieder schrecklich schrille Kombis aus orangenen Netzhäkelhemden mit pinken Miniröcken, die nicht kürzer sein müssten, um als Unterwäsche durchzugehen und Schuhen, die sich mir jeglicher Klassifizierung entziehen. Dass bei uns keiner so rumläuft interessiert hier niemanden.
Die Gegend um Hungmei Lu ist übersät mit Restaurants und Bars. Auch Papa’s Bierstube gibt’s hier. Viele Menschen sprechen englisch und man bekommt alternativ zu Chinesisch auch anderes Essen. Dementsprechend finden sich auch viele Urlauber hier. Hongmei Lu ist sicherlich ein Beispiel für die totale Reizüberflutung, der man hier – als Europäer – jeden Tag ausgesetzt ist. Gehupt wird hier prinzipiell nicht nur als Beschwerde, Vorsichtsmaßnahme, sondern auch einfach zur Information: hier komme ich; also eine ganze Menge. Jeder der 5 Milliarden Roller, die auf Shanghai’s Straßen unterwegs sind, ist auch mit einer Alarmanlage ausgerüstet. Die meisten davon springen bei einem Berühren des Rollers schon an. Manchmal sogar, wenn man zu nah daran vorbeiläuft. Daraufhin ertönt eine Sinfonie mehrerer seriell abgespielter Alarmtöne. Reihenfolge und Tonlage sind dabei immer gleich. Jetzt weiß ich nicht, ob das so vorgeschrieben ist, oder ob es nur einen Hersteller für diese Alarmanlagen gibt und es ist mir prinzipiell auch egal. Die Dinger sind nämlich scheisse laut! Lauter sind glaube ich nur die Lautsprecher in allen öffentlichen Einrichtungen, die da wären Metro, Bus, Vergnügungspark, Bank, Beamtenmegaphone und die Tastentöne an allen Geldautomaten. Man muss sich öfters die Ohren zuhalten.
Ein Vorteil der vielen Roller ist der elektrische Antrieb. Die Luft in der Stadt ist nicht halb so schlecht, wie man es vielleicht erwarten würde. Dafür sind diese Scooter einfach unglaublich langsam, wie ich gerade selbst erfahren habe, als meine Vermieterin mich auf so einem – quasi Elektrofahrrad – durch die Stadt gefahren hat. Allgemein halte ich die Fahrkünste, nicht nur meiner Vermieterin, sondern der meisten Straßenverkehrsteilnehmer hier aber eher für schlecht. Entweder kann man hier auf sich aufpassen, man lernt es schnell oder man lernt es niemals. Mir ist gestern der Spruch herausgerutscht „Manche Leute hier fahren so schlecht, die schaffen’s sogar einen E-Motor abzuwürgen!“
Neben dem Verkehr war ich gestern ziemlich deprimiert, als ich die Ursache für den Gestank in meiner Küche gefunden habe. Unter dem Spülbecken im Schrank ist mir aufgefallen, dass da gar kein Siphon verbaut ist! Dass sowas überhaupt möglich ist, will mir nicht in den Kopf. Pantomimen-Style musste ich mir spontan überlegen, wie ich das jetzt meiner Vermieterin erkläre, dass hier der Siphon fehlt und es deswegen stinkt! Ich hab ihr ein Bild von einem Siphon gezeigt und sie kurz am Abfluss riechen lassen, das hat sie recht schnell verstanden
Auch als ich gestern mein Bett endlich aufgebaut habe und mich auf die Matratze gelegt habe, dachte ich mich trifft der Schlag. Nachdem die Matratze nicht durch den schmalen Treppenaufgang gepasst hat, wurde extra eine neue angefertigt, die man in der Mitte zusammenfalten kann. Beim Händler durfte ich sogar probeliegen, welche Matratze am bequemsten ist. Es stellte sich heraus, dass die Matratze einen Stahlfederkern hat. Dieser wird getragen von einem Rahmen, der aus einem Rundstab aus Stahl besteht und geschätzte 5 mm Durchmesser hat. In der Mitte der Matratze, da wo man sie jetzt falten kann, laufen also zwei… dieser Rundstäbe parallel von der linken Seite, zur rechten Seite der Matratze; und zwar genau in der Mitte. Einige von euch werden bemerkt haben, dass man in der Mitte der Matratze genau mit der Hüfte aufliegt. Und das ist einfach nicht bequem. Man kann zwar ein wenig nach Oben oder Unten rutschen, aber so richtig bequem ist alles nicht. So viel Weitsichtigkeit hätte ich mir dann doch gewünscht, sich bei dieser – sicherlich nicht günstigen – Matratze eine andere Lösung zu überlegen.
Einerseits gibt es einige Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Auf der anderen Seite passiert es aber auch immer wieder, dass ich völlig entgeistert stehen bleibe, weil ich Sachen sehe, die ich einfach nicht für möglich gehalten hätte. Ein Rollerfahrer, der 8 Gasflaschen zwischen seinen Beinen transportiert. Eine junge Frau, die am Einlass zu einem Garten ihren Personalausweis vorliegt, sagt sie wäre von einer anderen Universität und ihre Karte deswegen anders ausschauen würde und den Rabatt bekommt. Eine IT-Abteilung, die einen Rechner für einen Praktikanten, der noch keinen Vertrag hat, bereits am ersten Morgen bereitstehen hat. Ein Umzugshelfer, die im 14. Stock die Fenster demontieren, um die Matratze, die einfach nicht durchs Treppenhaus passen will, mit Seilen an der Außenwand entlang hochziehen, um sie Oben wieder durch das Fenster rein zu holen. Und natürlich das Essen.
Ich muss zugeben, heute Abend hatte ich eine kleine Überraschung beim Abendessen. Mal wieder gab es auf der Karte keine Bilder und keiner Sprach Englisch. Also habe ich ein Hühnchen imitiert. Nach einer Weile kam auch tatsächlich ein Essen. Zerhacktes Hühnchen mit grünen Stängelchen. Obwohl das Fleisch noch am Knochen war und als besondere Delikatesse Hühnchenfüße, Hals und weitere mir nicht bekannten Teile in diesem Topf waren, galt meine erste Aufmerksamkeit dennoch diesem grünen Etwas. Sollte es etwa, ich probierte, ja -.- es war Sellerie. Und ich hasse Sellerie!! Ich gebe zu, ich habe die Sellerie den Krähenfüßen vorgezogen, aber an meiner Abneigung gegen dieses Gewächs hat sich auch weiterhin nichts geändert. Das Erlebnis heute war sicherlich eine Ausnahme; und vielleicht noch das Essen gestern, als sich herausstellte, dass wir Darm gegessen haben. Aber sonst schmeckt es immer vorzüglich! Dampfnudeln mit Hackfleischfüllung zum Frühstück, verschiedene leckere kleine Gerichte am Mittag und abends meist einen riesen Pott Suppe mit Nudeln und leckerem Fleisch ohne Knochen.
Die Leute sprechen nach einer Reise nach China oft von einem Kulturschock. Und das ist auch genau der Grund, warum ich unbedingt hierher wollte. Selber zu verstehen, was dieses Wort Kulturschock bedeutet. Nach einer Woche glaube ich, dass es diese vielen Momente der puren Ungläubigkeit sind. Wenn die Erfahrungen und die festen Überzeugungen aus 25 Jahren Lebenszeit einem in einem einzigen Augenblick als unvollständig oder fehlerhaft aufgezeigt werden. Wenn man fassungslos stehen bleibt und durch eine nie für möglich gehaltene Aktion aufgezeigt bekommt, wie selbstbeschränkt man sein kann, ohne es zu bemerken. Das ist für mich ein Kulturschock. Und ich genieße es sehr.